„Wir sind eine sehr nette Gemeinschaft hier oben“

Langweilig wird es Anna-Christin Ludwig mit Sicherheit nicht. Die frühere Stadträtin ist 2018 als erste Bewohnerin in das oberste Stockwerk des Haus Heiliggeist eingezogen.

Anna-Christin Ludwig


Mittlerweile hat sie sich in ihrer modernen Wohnung gut eingelebt. Nach und nach haben immer mehr Personen die obere Etage bevölkert und leisten ihr seither Gesellschaft. Anna-Christin Ludwig hat sich bewusst für das Wohnen mit Betreuung entschieden und dafür sogar Haus und Garten aufgegeben. Der Schritt ist ihr nicht schwergefallen. Im Gegenteil, jetzt lebt sie im Zentrum von Freiburg und kann von hier aus weiterhin ihrem sozialen Engagement nachgehen und viele Menschen treffen.

 

Im Juli 2018 ist Anna-Christin Ludwig kurz nach Fertigstellung des Haus Heiliggeist in die oberste Etage eingezogen, die nach dem Namen der Stifterin Julie Bächle (1906-2000) benannt ist. In ihrer großzügigen, knapp 90 Quadratmeter großen, hellen Wohnung mit Parkett, bodentiefen Fenstern und fantastischem Blick zum Münsterturm muss man sich sofort wohlfühlen. Afrikanische Holzmasken und Skulpturen verraten zudem, dass die jung gebliebene Seniorin längere Zeit in Kenia gelebt hat. „Die Wohnung ist sehr schön geschnitten, mit einer großen Loggia“, sagt sie. „Ich fühle mich hier sehr gut. Wir haben hier oben eine schöne Gemeinschaft, passen aufeinander auf, fragen und helfen uns gegenseitig“, erzählt sie, „wir haben alle Telefonnummern ausgetauscht. Die Chemie stimmt einfach“.

 

Geselligkeit oder Ruhe – je nach Bedürfnis

Ein Nachbar spiele wunderbar Klavier, erzählt sie, „aber man hört nichts aus den anderen Wohnungen, es ist gut gedämmt“, fügt sie hinzu. Alle acht Wohnungen mit Betreuung sind unterschiedlich groß. Sieben davon sind mittlerweile belegt von Einzelpersonen und Ehepaaren. Ein benachbartes Ehepaar kannte Anna-Christin Ludwig schon aus früheren Zeiten. Man war gemeinsam politisch aktiv in der SPD. Kein Wunder also, dass die Gesprächsthemen nicht ausgehen. Geplaudert wird gerne freitags, wenn unten das Café geöffnet hat. „Da gibt’s leckeren Kuchen“, verrät Anna-Christin Ludwig augenzwinkernd.

 

Langsamer Rückzug aus den Ehrenämtern

Anna-Christin Ludwigs ehrenamtliches Engagement lässt sich nur in groben Auszügen beschreiben: die Kinderkrankenschwester, die lange Jahre in verschiedenen Bereichen der Uniklinik Freiburg gearbeitet hat, war 40 Jahre lang aktiv in der Kommunalpolitik, fünf Jahre davon im Freiburger Gemeinderat. Sie ist zudem noch im Vorstand der Arbeiterwohlfahrt Freiburg stellvertretende Vorsitzende und engagiert sich im Haus der Begegnung in Landwasser. Dort hat sie vor vielen Jahren auch die Quartiersarbeit ins Leben gerufen. „Das ist sozusagen mein Baby“, lacht sie. Auch die Gründung der SC-Hexen Frauenfanclub des Sportclub Freiburg geht auf ihr Konto. 25 Jahre ist es her. Anna-Christin Ludwig ist jetzt 75 Jahre alt und zieht sich langsam aus den Ehrenämtern zurück. Den wachsamen Blick für gesellschaftliche Veränderungen wird sie beibehalten. Wohnungsnot, soziale Umbrüche, die Privatisierung im Gesundheitswesen – solche Themen brennen ihr weiter unter den Nägeln.

 

Das Wohnen mit Betreuung ist ein neuer Abschnitt im Leben

Für Anna-Christin Ludwig hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Sie hält inne: „Das ist mein letzter Abschnitt“. Sie erzählt, dass irgendwann ihre eventuell pflegebedürftige Schwester unten einziehen kann. Unten – das bedeutet in eines der Pflegezimmer der Heiliggeistspitalstiftung. Es sei ein schönes Gefühl zu wissen, dass ihre Schwester hier auch gut versorgt werden kann. Für Anna-Christin Ludwig ist es praktisch, dass das Pflegehaus und die Wohnungen mit Betreuung in einem Gebäude sind. „Hier ist alles beisammen. Das gibt mir Sicherheit“.

 

Umziehen und Loslassen

Der Weg vom eigenen Haus zum Wohnen mit Betreuung ist für Anna-Christin Ludwig ein wichtiger Zwischenschritt. „Besser im Wohnen mit Betreuung alt werden, als in der eigenen Wohnung, wo man schnell vereinsamen kann, wenn man nicht mehr aufstehen kann.“ Sie hat das Loslassen und der Umzug ins Haus Heiliggeist keine Überwindung gekostet. „Das Aufgeben meines bisherigen Lebens war für mich nicht schwer“, sagt sie und erklärt: „Durch die AWO war ich ja schon lange mit diesem Thema vertraut.“ Sie ist pragmatisch und zupackend. Menschen kennen zu lernen fällt ihr leicht. Ins benachbarte Margarete-Hartmann-Haus sowie ins Eugen-Keidel-Haus – beides ebenfalls Seniorenwohnanlagen der Heiliggeistspitalstiftung – hat sie ebenfalls schon Kontakte geknüpft.

 

„Das Haus wird sich noch mit viel Leben füllen“

Als ausgewiesene Sozialpolitikerin behält sie sich ein kritisches Auge, bemängelt die schweren Brandschutztüren im Keller. „Das ist nicht barrierefrei. Was haben sich die Architekten dabei gedacht?“, sagt sie und unterstreicht die Frage mit einem Stirnrunzeln, „da muss man nachrüsten“. Doch dieser Umstand schmälert nicht ihre Freude, nun in einem komfortablen und modernen Haus der Heiliggeistspitalstiftung untergebracht zu sein. Vielleicht könnte es noch ein bisschen lebendiger sein. Als der Stadtseniorenrat turnusmäßig für sechs Monate im Erdgeschoss des Haus Heiliggeist regelmäßig tagte, war sie begeistert von all den Gästen, die den Weg in die Neuburg fanden. Sie ist sich sicher: „Das Haus wird sich noch mit viel Leben füllen. Wir sind erst am Anfang.“

 

Text: Antigone Kiefner