29.08.2025
Angestoßen von Lothar A. Böhler, dem damaligen Stiftungsdirektor, gemeinsam mit Helmut Roemer, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe, und dem Historiker Dr. Dirk Schindelbeck, begann eine Arbeit, die weit mehr wurde als eine Chronik: Aus einem Projekt entstand ein Prozess – und aus Einzelfällen ein kollektives Gedächtnis.
Der öffentliche Aufruf führte fast 90 ehemalige Heimkinder zurück an den Ort ihrer Kindheit. Viele hatten Jahrzehnte geschwiegen, aus Scham, aus Angst, aus Resignation. Nun erzählten sie – von Gewalt und Demütigung, von Einsamkeit, aber auch von kurzen Momenten des Trosts. Insgesamt wurden 70 Lebensporträts wurden und 2014 in zwei Bänden als Waisenhausschronik veröffentlicht. Rund 600 Seiten voller Stimmen, die zum ersten Mal öffentlich zu hören waren.
Für viele war es ein Wendepunkt: Erstmals stand nicht das Stigma im Vordergrund, sondern das Zeugnis. Die eigene Biografie wurde Teil einer größeren Geschichte. Es war, als ob sich die Türen des Heimes noch einmal öffneten – diesmal nicht, um Kinder aufzunehmen, sondern um ihre Erfahrungen hinauszutragen.
Die Resonanz reichte weit über Freiburg hinaus. Presse, Rundfunk, Theater – die Chronik fand Eingang in die öffentliche Debatte. Und sie veränderte die Waisenhausstiftung und die Kinder- und Jugendhilfe: Pädagogische Leitlinien, Schutzkonzepte, Fortbildungen: Überall ist seitdem das Bewusstsein präsent, dass vertrauensvolle Beziehungen, Mitbestimmung, Achtsamkeit und Verlässlichkeit keine wohlklingenden Worte sind, sondern das Fundament einer guten, wirksamen Pädagogik.
Seit 2014 laden jährliche Ehemaligen-Treffen dazu ein, das Gespräch fortzusetzen. Nicht frei von Spannungen – aber getragen von der Überzeugung, dass es ohne ehrliche Auseinandersetzung keine Versöhnung gibt.
Die Aufarbeitung von 1894- 1985 fand auch kulturelle Formen: 2023 brachte die Laienspielgruppe die methusalems am Theater Freiburg das Stück „Die Ehemaligen“ mit Ehemaligen aus dem Waisenhaus auf die Bühne – ein ungewöhnlicher, bewegender Blick auf die Chronik.
15 Jahre nach dem ersten Schritt, zieht die Waisenhausstiftung Bilanz. Doch es ist keine Bilanz des Abschlusses, sondern der Weiterschreibung:
Zugleich entsteht Material, dass die Jahre seit 2014 reflektiert – und neue, erschütternde Erkenntnisse von damals im Waisenhaus dokumentiert. Es zeigt, dass die Aufarbeitung nicht zu einem Ende gelangt, sondern immer wieder neu beginnen muss.
Bis heute wenden sich ehemalige Heimkinder des Waisenhauses in Günterstal an die Waisenhausstiftung, um Antworten zu finden: Wann war ich dort? Wie lange? Warum? Die Waisenhauschronik bleibt ein offenes Archiv – und ein Beweis, dass Geschichte nie abgeschlossen ist.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis nach 15 Jahren: Aufarbeitung bedeutet nicht, ein Kapitel zu schließen. Sie bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – immer wieder neu.
Adelhauser Straße 33
79098 Freiburg
Fachbereichsleitung Kinder- und Jugendhilfe