29.08.2025

15 Jahre Waisenhauschronik – Erinnern, Erzählen, Verantwortung

Kinder- und Jugendhilfe der Waisenhausstiftung

Es war ein leiser Anfang im Jahr 2011. In den Archivkisten der Waisenhausstiftung Freiburg-Günterstal fand sich kaum etwas, das von der Vergangenheit der Heimerziehung erzählte. Die Regale waren leer, die Stimmen verstummt. Und doch stand am Anfang der Aufarbeitung des ehemaligen Waisenhaus 1894 - 1985 in Freiburg-Günterstal die Einsicht: Das Schweigen musste gebrochen werden.

Angestoßen von Lothar A. Böhler, dem damaligen Stiftungsdirektor, gemeinsam mit Helmut Roemer, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe, und dem Historiker Dr. Dirk Schindelbeck, begann eine Arbeit, die weit mehr wurde als eine Chronik: Aus einem Projekt entstand ein Prozess – und aus Einzelfällen ein kollektives Gedächtnis.

 

Das Schweigen brechen – endlich gehört

Der öffentliche Aufruf führte fast 90 ehemalige Heimkinder zurück an den Ort ihrer Kindheit. Viele hatten Jahrzehnte geschwiegen, aus Scham, aus Angst, aus Resignation. Nun erzählten sie – von Gewalt und Demütigung, von Einsamkeit, aber auch von kurzen Momenten des Trosts. Insgesamt wurden 70 Lebensporträts wurden und 2014 in zwei Bänden als Waisenhausschronik veröffentlicht. Rund 600 Seiten voller Stimmen, die zum ersten Mal öffentlich zu hören waren.

Für viele war es ein Wendepunkt: Erstmals stand nicht das Stigma im Vordergrund, sondern das Zeugnis. Die eigene Biografie wurde Teil einer größeren Geschichte. Es war, als ob sich die Türen des Heimes noch einmal öffneten – diesmal nicht, um Kinder aufzunehmen, sondern um ihre Erfahrungen hinauszutragen.

 

Erinnerung als Auftrag

Die Resonanz reichte weit über Freiburg hinaus. Presse, Rundfunk, Theater – die Chronik fand Eingang in die öffentliche Debatte. Und sie veränderte die Waisenhausstiftung und die Kinder- und Jugendhilfe: Pädagogische Leitlinien, Schutzkonzepte, Fortbildungen: Überall ist seitdem das Bewusstsein präsent, dass vertrauensvolle Beziehungen, Mitbestimmung, Achtsamkeit und Verlässlichkeit keine wohlklingenden Worte sind, sondern das Fundament einer guten, wirksamen Pädagogik.

Seit 2014 laden jährliche Ehemaligen-Treffen dazu ein, das Gespräch fortzusetzen. Nicht frei von Spannungen – aber getragen von der Überzeugung, dass es ohne ehrliche Auseinandersetzung keine Versöhnung gibt.

Die Aufarbeitung von 1894- 1985  fand auch kulturelle Formen: 2023 brachte die Laienspielgruppe die methusalems am Theater Freiburg das Stück „Die Ehemaligen“ mit Ehemaligen aus dem Waisenhaus auf die Bühne – ein ungewöhnlicher, bewegender Blick auf die Chronik.

 

15 Jahre Aufarbeitung – und wir machen weiter

 15 Jahre nach dem ersten Schritt, zieht die Waisenhausstiftung Bilanz. Doch es ist keine Bilanz des Abschlusses, sondern der Weiterschreibung:

  • Archivaufbau online: Alle Materialien, Interviews, Dokumentationen werden systematisch erschlossen und öffentlich zugänglich über die Website der Kommunalen Stiftungen gemacht.
  • Neue Zeitzeugen: Noch immer melden sich Ehemalige, deren Stimmen aufgenommen werden. Jede neue Erzählung ist ein fehlendes Puzzlestück.
  • Filmprojekt: Seit 2023 wird die Geschichte des Waisenhauses auch filmisch dokumentiert – ein weiterer Versuch, Erinnerung sichtbar und lebendig zu halten und den Bezug zur Gegenwart herzustellen.

Zugleich entsteht Material, dass die Jahre seit 2014 reflektiert – und neue, erschütternde Erkenntnisse von damals im Waisenhaus dokumentiert. Es zeigt, dass die Aufarbeitung nicht zu einem Ende gelangt, sondern immer wieder neu beginnen muss.

 

Unsere Geschichte – und unsere Verantwortung

Bis heute wenden sich ehemalige Heimkinder des Waisenhauses in Günterstal an die Waisenhausstiftung, um Antworten zu finden: Wann war ich dort? Wie lange? Warum? Die Waisenhauschronik bleibt ein offenes Archiv – und ein Beweis, dass Geschichte nie abgeschlossen ist.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis nach 15 Jahren: Aufarbeitung bedeutet nicht, ein Kapitel zu schließen. Sie bedeutet, Verantwortung zu übernehmen – immer wieder neu.

 

Kontakt

Waisenhausstiftung Freiburg

0761 2108 0 Fax: info@sv-fr.de

Adelhauser Straße 33
79098 Freiburg

Helmut Roemer

Fachbereichsleitung Kinder- und Jugendhilfe