Sie sind hier: Start > Presse > aktuelle Pressemitteilungen
Jubiläum im Heilpädagogische Hort der Waisenhausstiftung: Seit 60 Jahren werden hier Kinder gefördert, die mehr Unterstützung brauchen als die Schule bieten kann
Stiftungsdirektor Böhler: Dieser Hort war schon bei seiner Entstehung modern, heute sind wieder neue Methoden gefragt. - Kinder- und Jugendamtsleiterin Haardt: Die Kinder werden jünger – Stiftungs-Hort soll Modell werden. - Gastreferentin stellt Konzept „Positive Peer Culture“ vor: Kinder unterstützen sich gegenseitig.
Kinder und Jugendliche, die sich nicht anpassen oder an Regeln halten und deshalb auffallen, brauchen Unterstützung. Mit dieser Idee startete schon 1949, wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in Freiburg der erste Heilpädagogische Hort. Modern ist dieser älteste Hort der Stadt noch immer. Heute, 60 Jahre nach der Gründung, bietet er neben vielen therapeutischen Möglichkeiten zum Beispiel auch ein Programm zur Gewaltprävention und eine breite Elternarbeit. 45 Kinder im Grundschulalter werden hier in fünf Gruppen in ihrer Entwicklung unterstützt – etwa in ihrer Konzentrationsfähigkeit, in ihrer Feinmotorik, ihrem sprachlichen Ausdrucksvermögen oder im sozialen Verhalten. Träger des Hortes ist die kommunale Waisenhausstiftung.
Ins Jubiläumsjahr 2009 fiel die Entscheidung, dass der Heilpädagogische Hort im Sandfangweg künftig wieder einmal Modellcharakter haben soll: Eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Marianne Haardt, Leiterin des städtischen Sozial- und Jugendamtes und Helmut Roemer, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe der Waisenhausstiftung, wird sich mit dem künftigen Aufgabenprofil der Heilpädagogischen Horte in Freiburg auseinandersetzen und dies in den kommenden Jahren im ältesten Hort gleich praktisch erproben. Dies machte die Jugendamtsleiterin auch bei der Jubiläumsfeier am Dienstag deutlich.
„Die Arbeit mit den Kindern wird sich verändern“, betonte Marianne Haardt in ihrer Rede. Für sie steht jedoch außer Frage, dass alle rund 150 Kinder, die derzeit in den vier Heilpädagogischen Horten Freiburgs gefördert werden, diese Unterstützung auch weiterhin benötigen werden. Die Kinder würden immer jünger, die Eltern brauchten oft ebenfalls Unterstützung in der Erziehung. Sie will deshalb das Heilpädagogische Profil der Horte schärfen und sie noch stärker zu den Stadtteilen und Schulen im Umkreis hin orientieren: „Unsere Vision sind Familienzentren“. Im Sommer 2009 hatte die Stadt Freiburg den Vertrag über die Zusammenarbeit am Heilpädagogischen Hort mit der Waisenhausstiftung in diesem Sinne um weitere fünfeinhalb Jahre bis Ende 2014 verlängert.
Stiftungsdirektor Lothar A. Böhler hatte die Jubiläumsfeier am 27. Oktober zunächst mit einem historischen Rückblick auf den Beginn der Arbeit in Baracken in der Urachstraße, den Umzug in den damaligen Neubau im Sandfangweg im Jahr 1972 und die pädagogischen Entwicklungen in der Begleitung der Kinder eröffnet. Bereits unter der Herrschaft der Nationalsozialisten hatte die engagierte Pädagogin und Sozialarbeiterin Elisabeth Moser die Gründung eines solchen Hortes vorbereitet. „Lassen Sie uns froh sein, dass es auch solche Menschen gab in einer Zeit, die sich anmaßte, darüber zu urteilen ob eine Leben würdig sei oder nicht,“ sagte der Stiftungsdirektor. Ihr sei es zu verdanken, dass diese Einrichtung vor 60 Jahren mit einem hochmodernen Konzept aufnahm.
Zwei aktuelle langjährige Mitarbeiterinnen würdigte Lothar A. Böhler ebenfalls im Rahmen der Jubiläumsfeier: Gabriele Lindinger ist seit 37 Jahren, Sieglinde Kenz seit 32 Jahren im Hort tätig. In den 70er Jahren hatten sie noch zwölf Kinder in einer Gruppe betreut. Heute werden in jeder Gruppe maximal neun Kinder von jeweils einer Gruppenleiterin oder einem Gruppenleiter, ergänzt von weiteren Teammitgliedern wie Praktikanten und Heilpädagogikstudierende. Über die übliche Förderung hinaus macht der Heilpädagogische Hort der Waisenhausstiftung Angebote zur Sprachförderung und Freizeitangebote in Reiten, Psychomotorik, Werken und Fußball. Seit 2008 lernen die Kinder mit Hilfe des so genannten Faustlos-Programms Mitgefühl zu entwickeln, sich gegen Gemeinheiten zu wehren sowie Wut und Ärger anders als mit Gewalt zu äußern.
Seit 1999 befindet sich der Heilpädagogische Hort im Sandfangweg in der Trägerschaft der kommunalen Waisenhausstiftung. Diese hat seitdem insgesamt mehr als 1,5 Millionen Euro in den laufenden Hortbetrieb investiert und arbeitet – in der Tradition des Hortes – nach wie vor eng mit der städtischen Erziehungsberatungsstelle zusammen. Seit etwa einem Jahr bieten beide Einrichtungen zusammen in den Räumen des Hortes auch öffentliche Elternabende zu Erziehungsthemen an – im Sinne einer breiten Elternbildung und einer Vernetzung mit den Stadtteilen Waldsee und Littenweiler.
60 Prozent der Kinder im Heilpädagogischen Hort im Sandfangweg sind Jungen, wobei der Anteil der Mädchen gegenüber früheren Jahren kontinuierlich steigt. 2006 lag ihr Anteil noch bei 30 Prozent. Mehr als zwei Drittel der Kinder haben einen Migrationshintergrund. Das heißt, ihre Eltern sind nicht in Deutschland geboren. Rund 40 Prozent der Eltern sind alleinerziehend. Die meisten Kinder besuchen eine Grundschule, ein Drittel geht auf eine Förderschule, sechs Kinder haben die Grundschule bereits verlassen. Stark gewachsen ist der Anteil der Kinder, die sich nur schwer konzentrieren können und sehr unruhig sind. „Der Rahmen, den wir ihnen hier bieten in kleinen Gruppen von maximal neun Kindern, kann die Schule nicht bieten. Dort sprengen sie den Rahmen, hier haben sie Zeit und Raum, zur Ruhe zu kommen und sich zu entwickeln“, betonte Stiftungsdirektor Böhler.
Eine neue Methode der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen stellte die Gastreferentin, Ulrike Bächle-Hahn, Psychologin des Augustinusheims in Ettlingen, anlässlich der Jubiläumsfeier vor. Dort praktiziert man erfolgreich die sogenannte „Positive Peer Culture“. Hinter dem englischen Begriff verbirgt sich die Erkenntnis, dass Kinder und Jugendliche – auch solche mit mangelnden eigenen sozialen Fähigkeiten – sich dennoch gegenseitig unterstützen können, wenn es darum geht, Lösungen für schwierige Situationen zu finden. Dabei, so Bächle-Hahn, lernen sie auch selbst und entwickeln neues Selbstvertrauen – „weil sie etwas beitragen können“. Im Augustinusheim leben vor allem Jugendliche. Der Leiter der Kinder- und Jugendhilfe der Waisenhausstiftung, Helmut Roemer, hatte die Psychologin dennoch ganz bewusst eingeladen: „Die Erfahrungen mit dieser Methode können für uns ein Anstoß sein, uns auch in der Arbeit mit den Kindern weiterzuentwickeln“, betonte er.
Kinder und Jugendliche zu unterstützen, die unter schwierigen Lebensumständen aufwachsen und nur schwer Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln, ist Stiftungszweck der Waisenhausstiftung. Als Findelhaus im 16. Jahrhundert gegründet, betreibt die kommunale Stiftung heute neben dem heilpädagogischen Hort mehrere Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen und fördert Kinder- und Jugendprojekte in Freiburg. Dazu gehören sozialpädagogische Wohngruppen für Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihrer Familie leben können, die Schule für Erziehungshilfe mit Tagesgruppen „Schubs“ für Jugendliche, die im konventionellen Schulsystem gescheitert sind, die „Zuflucht für Mädchen“, die aus verschiedenen Gründen weglaufen oder ihre Familie verlassen und Betreutes Wohnen für Jugendliche und junge Erwachsene, das diese in die Selbständigkeit führt.
Rückfragen bitte an Helmut Roemer, Tel. 0761 – 29292-12, roemer.h@stiftungsverwaltung-freiburg.de
- Dateien:
Hort_Jubiläum60Jahre_02.pdf







